Als das Original-Mafia 2002 für den PC erschien, war das Actionspiel der tschechischen Firma Illusion Softworks nicht nur technisch beeindruckend. Auch in Sachen Storytelling war die Gangster-Saga brillant und gilt bis heute als Meilenstein auf diesem Gebiet.
Für das Remake hat Entwickler Hangar 13 die Stärken und Schwächen des Spiels haargenau analysiert und den Klassiker in allen Punkten verbessert. Die Mafia: Definitive Edition fühlt sich modern und zeitgemäß an, besticht wie bereits vor 18 Jahren durch seine technische Umsetzung, und verliert trotz einiger grundlegender Änderungen nie die Achtung vor dem Original.
Familie ist für immer
Im Mittelpunkt von Mafia steht der Aufstieg von Tommy Angelo, der sich vom Taxifahrer zu einer zentralen Figur des organisierten Verbrechens von Lost Heaven hocharbeitet. Die rasante und ohne Leerlauf erzählte Geschichte arbeitet mit Rückblenden und umfasst einen Zeitraum von acht Jahren Anfang der 1930er Jahre. Jede der insgesamt 20 Missionen ist wichtig für die Charakterentwicklung und die übergreifende Handlung rund um den Mafia-Clan von Don Salieri.
Hier macht sich auch die wohl wichtigste Erneuerung des Remakes bemerkbar: Alle Charaktere und Figuren wurden mit Schauspielern per Motion Capture aufgenommen und komplett neu vertont. Die Zwischensequenzen sind umfangreicher und detaillierter als im Original und alle Dialoge neu geschrieben. So konnten die Entwickler von Hangar 13 vor allem den Nebencharakteren deutlich mehr Raum zur Entfaltung gegeben.
Wir bekommen beispielsweise auch recht früh schon Tommys Frau Sarah zu Gesicht und sehen erste Flirtversuche der beiden, was ihre Beziehung und damit auch Tommys Motivation viel nachvollziehbarer macht. Auch Paulie und Sam, unsere Partner in den Missionen, sind in diesem Remake deutlich vielschichtigere Figuren mit eigenem Humor, Visionen und Träumen. Gerade in den Nahaufnahmen besticht das Spiel durch feine Details wie Narben in den Gesichtern, an denen sichtbar keine Bartstoppeln wachsen. Oder wir bemerken die pulsierende Halsschlagader, wenn der Mafia-Boss Don Salieri wütend durch die Gegend brüllt.
Mafia aus 2002 funktionierte, weil wir unser Vorwissen aus Mafia-Filmen, -Büchern und -Serien wie Der Pate oder Die Sopranos in die grobschlächtigen Polygonfiguren projizieren konnten. Die großartig gecasteten Schauspieler des Remakes heben die Inszenierung der Story von Mafia auf ein neues Niveau. In dieser Version des Spiels stehen die Figuren nun auf eigenen Füßen.
Mehr Deckung, weniger Strafzettel
Ebenfalls von Grund auf neu gemacht wurde die Steuerung. Die Entwickler haben sich naheliegend an Mafia 3 orientiert und das Gameplay an moderne Deckungsshooter-Konventionen angepasst. Tommy kann nun aktiv hinter Wänden, Türrahmen und Verschlägen Schutz suchen und lehnt sich zum Zielen dahinter hervor.
Das Nahkampfsystem ist dagegen sehr rudimentär geblieben und kommt mit einer Taste für's Ausweichen und einer zum Zuschlagen aus. Wirklich oft fliegen die Fäuste jedoch nicht, die meiste Zeit ballern wir mit Schrotflinten, Gewehren und Revolvern um uns. Die Auswahl an Waffen ist dabei allerdings nicht nur sehr gering, sondern auch stark limitiert. Tommy kann auf Missionen jeweils nur eine Handwaffe und ein etwas größeres Kaliber mitführen. Ergänzt wird das Repertoire mit Molotow-Cocktails oder Granaten.
Deutlich größer ist die Auswahl da bei den rund 60 Fahrzeugen, mit denen wir durch die Straßen von Lost Heaven cruisen. Das authentische Aufheulen der Oldtimer-Motoren, die knatternden Auspuffrohre und das Vibrieren des Controllers in Kurven sind fantastisch. Das Fahren macht so viel Freude, dass wir die optionale Funktion "unwichtige" Fahrten zu überspringen, kaum nutzen.
Diese neue Komfortfunktion würde auch kaschieren, dass die Stadt zwar dank ihrer abwechslungsreichen Stadtviertel, der schicken Wetter- und Lichteffekte und dem beeindruckenden Weitblick wunderschön anzusehen ist, aber im Grunde nichts zu bieten hat.
Abseits von Sehenswürdigkeiten und ein paar Sammelgegenständen gibt es nichts zu Entdecken. Klar: Das hatte das Original auch nicht, aber im Vergleich zu aktuellen Open-World-Spielen mit Hunderten von Nebenaufgaben fühlt sich das schlicht ungewohnt an. Im Freifahrt-Modus, der euch nach der Kampagne die Stadt frei erkunden lässt, haben die Entwickler immerhin noch ein paar kleinere Bonus-Missionen versteckt, bei der ihr beispielsweise ein seltenes Auto unbeschadet und unter Zeitdruck in eine Garage am anderen Ende der Stadt bringen sollt.
Wenig überraschend wurde auch am legendär hohen Schwierigkeitsgrad der Vorlage gedreht. Ihr habt nun die Wahl zwischen drei Stufen, die beeinflussen, wie viel Schaden ihr einstecken könnt, wie knapp die Zeitlimits sind, und wie aggressiv sich die Polizei im Straßenverkehr verhält. Puristen und Veteranen schalten direkt auf den Klassik-Modus, bei dem euch Treffer nahezu direkt töten, und der auch das Fahrmodell der Autos auf Simulation setzt.
Upgrade für einen zeitlosen Klassiker
Egal ob wir für den Don Schutzgeld im Viertel einsammeln, einen ungeliebten Politiker mit dem Scharfschützengewehr ausschalten, oder auf dem Land einem Truck mit Drogen hinterherjagen: Die Missionen sind abwechslungsreich gestaltet und bieten eine tolle Mischung aus bleihaltiger Action, wilden Verfolgungsjagden und ruhigeren Passagen.
Die Fahrten zum Ziel und nach Hause werden mit witzigen Dialogen zwischen Tommy und seinen Begleitern aufgelockert. Außerdem fangen zwei Radiostationen den Sound der Ära stimmungsvoll ein. Technisch lief die von uns getestete Version auf der Xbox One X butterweich und komplett bugfrei, lediglich die Ladezeiten nach einer gescheiterten Mission zogen sich stellenweise etwas in die Länge.
Mafias zeitlose Story um Ehre, Familie, Freundschaft, Liebe und Verrat funktioniert noch immer genauso gut wie vor fast 20 Jahren. Diese selbsternannte Definitive Edition trägt ihren Namen absolut verdient. Sie würdigt das Originalspiel nicht nur, sondern macht aus der Vorlage ein noch besseres Spiel, dass sich auch ohne Retrobrille gegen aktuelle Titel behaupten kann und locker in der obersten Liga mitspielt.
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