Dass die Forza Horizon-Spiele ganz fantastische Open World-Rennspiele sind, muss ich vermutlich niemandem mehr erzählen. Die fünf bisherigen Teile aus dem Hause Playground Games eroberten das Genre zunächst im Sturm und zementierten ihren hervorragenden Ruf dann mit jedem Teil aufs Neue.
Spätestens mit Teil 5 gab es aber auch kritische Stimmen – von Stillstand auf sehr hohem Niveau und gewissen Abnutzungserscheinungen war da die Rede . Und genau deshalb ist jetzt der Release von Forza Horizon 6 so spannend. Denn für den hat sich Playground so lange Zeit genommen wie noch nie, nämlich über vier Jahre.
Reicht das für den nächsten Meilenstein in einer Serie, die schon auf einem enorm hohen Level angekommen ist? Ich habe die Kampagne von Forza Horizon 6 durchgespielt und kann euch die Antwort geben.
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Forza Horizon 6 - Testvideo zum Open World-Rennspiel
Gleicher Rahmen, alte Schwäche
Ganz grundsätzlich gilt: Hier steht Forza Horizon drauf, also steckt auch Forza Horizon drin – und das ist vor allem eine gute Nachricht! Denn am Konzept ändert sich nichts, das bleibt auch im sechsten Teil dasselbe.
Im Rahmen des fiktiven Horizon-Auto- und Musikfestivals erkundet ihr am Steuer von mehreren hundert Autos eine offene Spielwelt, nehmt an Rennen teil, erledigt Nebenaufgaben und werdet so nach und nach eine große Nummer.
Eine Story gibt es dabei quasi nicht. Ihr seid mal wieder der kleine Newcomer, der sich nach und nach einen Namen macht und dabei mit anderen Festival-Teilnehmern und NPCs wie Mei Hasegawa oder Jordan Chambers Spritztouren unternimmt oder sich mit ihnen in Rennen misst. Aber das wirkt alles nach wie vor ziemlich hölzern und uninspiriert, das ändert sich also auch im sechsten Teil nicht.
Auf nach Japan!
Was sich aber ändert – und da bin ich auch direkt bei der größten und auch besten Neuerung – ist der Schauplatz. Japan stand ganz oben auf der Wunschliste der Forza Horizon-Community und genau das Land hat sich Playground Games dann auch ausgesucht.
Ihr donnert jetzt also durch Tokio und Umland, die japanische Metropole ist dabei gleichzeitig auch die bislang größte Stadt der Horizon-Geschichte. Und dort gibt es jede Menge zu entdecken, etwa kleine Gassen, große Highways und berühmte reale Sehenswürdigkeiten wie den Tokyo Tower oder die Shibuya-Kreuzung.
Playground ist es richtig gut gelungen, diesen Mikrokosmos mit seinen unterschiedlichen Facetten abzubilden. Dass allerdings nur so wenig auf den Straßen los ist, reißt dann aber doch mal ein bisschen aus der Atmosphäre. Klar, so bleibt das Ganze zwar immer gut spielbar, aber ein bisschen wuseliger und belebter hätte Tokio für meinen Geschmack doch gerne sein dürfen.
Eine der besten Horizon-Spielwelten der Geschichte
Die Spielwelt besteht aber natürlich nicht nur aus Tokio, sondern aus insgesamt 9 anderen Regionen und wenn Forza Horizon 6 in einer Kategorie nochmal richtig einen draufsetzt, dann ist es diese. Denn Japan ist mit seinen vielen unterschiedlichen Biomen so abwechslungsreich wie kaum eine andere der bisherigen Horizon-Umgebungen.
Keine Ecke der Spielwelt gleicht einer anderen, jede hat eine ganz eigene Charakteristik. Es gibt etwa lauschige Küstenabschnitte, dichte Wälder, Bergregionen, ein Schnee- und Skigebiet im Norden der Karte, ausgedehnte Blumenfelder und jede Menge andere sehenswerte Bereiche.
Es ist aber nicht nur die Abwechslung, sondern auch, wie die Welt gestaltet ist. Also etwa die Art und Weise, wie sich Straßen durch die Landschaft schlängeln, wie toll die Aussichten von manchen erhöhten Positionen auf andere Bereiche der Welt oder wie einzelne tatsächliche japanische Sehenswürdigkeiten wie die Loop Bridge oder Hirosaki Castle in der Landschaft platziert sind.
Das ist hier natürlich keine 1-zu-1-Version von Japan, aber eine hervorragend kondensierte. Und das hat dafür gesorgt, dass ich in kaum einer anderen Spielwelt so gerne herumgefahren bin wie in dieser.
Coole Kurse, aber…
Diese Qualitäten setzen sich bei den Strecken fort. Denn natürlich fahrt ihr auf der Jagd nach neuen Festival-Armbändern jede Menge abgesteckte Straßen-, Offroad- und Querfeldein-Rennen, meistens in mehreren Runden oder Punkt-zu-Punkt. Neu sind die Togue-Rennen, also driftlastige Wettfahrten auf engen und kurvenreichen Strecken, die sich hervorragend einfügen.
Und in kaum einem anderen Serienteil habe ich mir so oft nach einem Rennen gedacht, dass die gerade gefahrene Strecke cool genug war, um sie direkt nochmal zu fahren.
Das liegt unter anderem an der optischen Abwechslung, aber auch an den Streckenverläufen, die überdurchschnittlich oft richtig gut sind, speziell die in Tokio. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber die durchschnittliche Streckenqualität von Forza Horizon 6 ist ziemlich hoch.
… da wäre noch mehr gegangen
Leider gibt es in der Kampagne mit Ausnahme der Togue-Rennen hauptsächlich dieselben Rennarten wie im letzten Teil, und auch wenn die für sich genommen immer noch gut funktionieren, hätten weitere Ergänzungen frischen Wind bringen können – zum Beispiel in Form von Eliminationsrennen.
So beschränkt sich ein großer Anteil der Spielzeit eben auf die Punkt-zu-Punkt- oder Runden-Rennen, was trotz deren ordentlicher Qualität auf Dauer etwas ermüdend sein kann.
Und auch die Gegner-KI hat immer noch mit ähnlichen Macken zu kämpfen wie in Teil 5. Die computergesteuerten Fahrzeuge wirken immer noch sehr mechanisch und machen kaum Fehler. Der Schwierigkeitsgrad selbst kann hin und wieder ebenfalls ganz schön schwanken.
Das lässt sich zwar in den Einstellungen regulieren, manche Events sind aber trotzdem unverhältnismäßig schwerer als andere, da ist die Balance nicht hundertprozentig geglückt.
Grundsätzlich ist Forza Horizon 6 jedoch erneut ein sehr verzeihendes Rennspiel und belohnt euch auch auf den hinteren Plätzen mit Credits und Punkten, Fortschritt gibt es immer in irgendeiner Form.
Und zwischendurch gibt es durchaus echte Highlight-Events. Speziell die großen Armband-Showrennen, nach denen ihr dann weitere Events auf der Karte freischaltet, sind echte Höhepunkte, weil sie teils absurd überzogen oder einfach spektakulär inszeniert sind.
Ich will nicht zu viel spoilern, aber gegen einen gigantischen Mech anzutreten, hatte ich nicht unbedingt auf meiner Bingo-Karte und ich habe in Horizon ja echt schon viel gesehen.
Genug zu tun in Japan
Und natürlich bietet auch Forza Horizon 6 wieder ein ganzes Füllhorn an Sammelaufgaben und kleinen Herausforderungen, die buchstäblich an jeder Ecke warten. Es gibt unter anderem wieder die Blitzer und Blitzerzonen, Gefahrenschilder, Driftzonen, XP-Schilder und Scheunenfunde, bei denen ihr verrostete Autos aus Garagen holt.
Richtig klasse ist die Integration der insgesamt 9 im Spiel versteckten Schatzautos. Für die gibt es ledigliche Fotohinweise, anhand derer die Karren dann gefunden werden müssen. Dadurch müsst ihr etwas anders mit der Karte interagieren, als man das bislang von der Serie gewohnt war, was wirklich eine schöne Neuerung ist.
Generell hätte ich mir von diesen neuen Ideen aber noch mehr gewünscht. Forza Horizon 6 bietet zwar ein gelungenes Potpourri aus größeren und kleineren Events, aber wer die Serie kennt, wird kaum wirkliche Überraschungen erleben.
Das gilt übrigens auch für die Horizon Storys, in denen ihr unter anderem für einen Fotografen exklusive Karren ins rechte Licht rückt oder einem Werkstattbesitzer helft, aus normalen Autos überzüchtete PS-Monster zu machen.
Das ist zwar meist charmant präsentiert, aber spielerisch oft auch etwas belanglos, weil ihr häufig nur minutenlang zu einem Punkt fahrt, nur um dann wieder zurückzugondeln oder innerhalb von zehn Sekunden auf den Auslöser zu drücken.
Es fühlt sich wieder so gut an!
Bezüglich Spielbarkeit und Fahrgefühl war Forza Horizon schon immer eine Klasse für sich und das ändert sich wenig überraschend auch im sechsten Teil nicht. Die Autos haben alle ganz eigene Charakteristiken und sind mal anspruchsvoller, mal aber auch total einfach zu fahren.
Playground schafft hier einmal mehr einen nahezu perfekten Spagat zwischen leicht zugänglichem Arcade-Racer und Rennspiel mit ambitioniertem Realismusanspruch.
Wie ihr das Ganze spielen wollt, bleibt euch überlassen, dank zahlreicher optionaler Fahrhilfen und der Möglichkeiten, Feinheiten wie Übersetzung, Federn, Dämpfung oder Aerodynamik penibel zu justieren.
All das sorgt wieder für ein wunderbares und locker-leichtes Spielgefühl, das speziell durch die kleinen Aufgaben an jeder Ecke und das motivierende Kombosystem eine unheimliche Sogwirkung entfesseln kann, ganz nach dem Motto: "Ach, das XP-Schild da oben nehme ich jetzt noch schnell mit, dann mache ich aber wirklich Schluss".
Accessibility-Einstellungen
Forza Horizon 6 ist ein Paradebeispiel für Barrierefreiheit bzw. Zugänglichkeitsoptionen. Ihr könnt zahlreiche Unterstützungen und Filter zuschalten, etwa Umgebungs-Farbfilter oder einen hohen Kontrast-Modus. Und auch die Repräsentation kommt nicht zu kurz, im Charakter-Editor könnt ihr eurem Charakter beispielsweise Prothesen oder Hörgeräte verpassen, hier zeigt sich Playground einmal mehr vorbildlich inklusiv.
Der Multiplayer: Starkes Fundament als Basis für die nächsten Jahre
Die Kampagne von Forza Horizon 6 beschäftigt euch locker über 20 Stunden, ich hatte das letzte Armband und den höchsten Erkundungsstatus in knapp 23 Stunden freigeschaltet.
Danach könnt ihr euch im Multiplayer-Modus austoben, der ganz grundsätzlich wie im fünften Teil funktioniert. Ihr könnt euch also mit anderen Spielerinnen und Spielern in Kolonnen zusammenschließen und Events absolvieren, die Spielwelt erkunden, euch in einer von zahlreichen Playlists oder der Battle Royale-Variante Eliminator versuchen. Oder gar im Editor eigene Strecken in der Landschaft abstecken.
Hier profitiert Teil 6 vom enorm starken Fundament, das die letzten Teile gelegt haben und das nun auch hier die Content-Basis für die nächsten Jahre ist. Multiplayer-Sessions standen im Testzeitraum allerdings noch nicht ausreichend zur Verfügung, weswegen ich diesen Aspekt noch nicht komplett beurteilen kann.
Ganz nette Garagen
Andere Neuerungen von Forza Horizon 6 kann ich dagegen durchaus beurteilen und habe sie maximal als ganz nett empfunden. Dazu zählen beispielsweise die Aftermarket Cars. Das sind teils modifizierte Autos, die überall in der Spielwelt herumstehen und die ihr dann für einen guten Kurs einsacken könnt. Da sind auch einige Schätzchen dabei und die Autos erhöhen durchaus die Erkundungsmotivation, ändern aber am Spielgefühl wenig.
Das gilt übrigens auch für die anpassbaren Garagen, die ihr in euren gekauften Häusern jetzt nach eigenen Wünschen gestalten könnt. Es gibt sogar ein größeres Anwesen mit gigantischem Außenbereich, wo ihr ganze Gebäude und Strecken in die Landschaft pflastern könnt.
Dafür gibt es jede Menge Deko-Objekte wie Couches, Tische, Kisten oder anderen Schnickschnack, die sich beliebig bewegen, anpassen und platzieren lassen.
Die Optionen sind ziemlich umfangreich und es wird sicher genug Personen geben, denen diese Anpassungsmöglichkeiten gefallen. Ich bin aber lieber durch die schicke Spielwelt gefahren, als mich in meinen Garagen aufzuhalten, zumal ich auch die Steuerung zumindest mit dem Gamepad als etwas fummelig empfunden habe.
Ein technischer Leckerbissen
Technisch ist Forza Horizon 6 eine absolute Wucht und gehört zu den hübschesten Rennspielen, die ihr derzeit für Geld kaufen könnt. Egal ob die Spielwelt selbst, die Fahrzeugmodelle, Wetter- und Lichteffekte oder Details wie Spiegelungen – alles wirkt wie aus einem Guss und läuft dazu jederzeit absolut performant.
Nur manche Details wie die puppenhaften Gesichter der Spielfiguren fallen da etwas ab, aber die sieht man glücklicherweise nicht allzu oft. Beim Sound habe ich dagegen gar nichts zu meckern, die Motorengeräusche der zahlreichen Boliden sind ebenso exzellent wie die Musikauswahl der insgesamt neun Radiostationen, bei denen für jeden Geschmack etwas dabei sein sollte.
Ich habe für den Test auf der Xbox Series X hauptsächlich im Leistungs-Modus gespielt, also mit dynamischer 4K-Auflösung und 60 fps, und der lief bis auf zwei Abstürze über knapp 25 Spielstunden ohne Fehl und Tadel.
Der Qualitätsmodus liefert eine native 4K-Auflösung und 30 fps, aber die halbierte Framezahl macht sich dort deutlich bemerkbar, obwohl das Spiel auch in diesem Modus absolut sauber läuft. Meine Konsolen-Empfehlung ist dennoch ganz klar: Leistung.
Wer dieses Spiel lieben wird – und wer enttäuscht sein könnte
Also: Ist Forza Horizon 6 jetzt ein neuer Serienmeilenstein? Die Antwort ist nicht ganz einfach und auch eine Frage der Perspektive. Wenn das hier euer erstes Forza Horizon-Spiel ist oder ihr vom grundlegenden Konzept nicht genug bekommen könnt, dann wird es euch garantiert komplett aus den Socken hauen.
Denn auch beim neuesten Teil greifen einmal mehr alle klassischen Serienstärken wie das tolle Fahrgefühl und die sogartige Wirkung der zahlreichen Aufgaben. Dazu kommt die exzellente Spielwelt, die tatsächlich noch einmal ein kleiner Schritt nach vorn ist.
Solltet ihr allerdings schon alle Forza Horizon-Teile in- und auswendig kennen und nach der langen Entwicklungszeit komplett neue Akzente erwartet haben, dann besteht die Gefahr, dass euch der Japan-Ausflug auf sehr hohem Niveau enttäuschen könnte. Denn diese neuen Akzente gibt es schlicht nicht bzw. zu wenig. Salopp gesagt ist das hier ein etwas gepimptes und modifiziertes Forza Horizon 5 in anderer Umgebung.
Das ändert aber nichts daran, dass auch Forza Horizon 6 mit all seinen Zutaten und Inhalten ein hervorragendes und uneingeschränkt empfehlenswertes Rennspiel ist, das den Ruf der Reihe als Genreprimus noch einmal weiter zementiert.
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